„Damals in den 80-ern war unsere Heimatstadt Gera so schön“, sagen viele, die den architektonischen Umschwung vor der politischen Wende noch miterlebt haben. 

1952 wurde Gera eine der 14 Bezirksstädte der damaligen DDR. Die Einwohnerzahlen stiegen über die Jahre bis 1959 auf 100 000 an, wodurch Gera den Status einer Großstadt erlangte. Durch viele große industrielle Betriebe, wie z.B. die Textilindustrie oder die SDAG Wismut, bot Gera viele Arbeitsplätze, wodurch der Wohnungsbedarf stark angestiegen ist. Daraufhin wurde das Neubaugebiet am Bieblacher Hang mit Wohnungen, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und ärztlicher Versorgung errichtet. Später entstand ein ähnlicher Stadtteil in Lusan.

Der zentrale Punkt Geras war damals der Platz der Republik bzw. ist heute noch die Heinrichstraße. 1961 eröffneten dort Modegeschäfte, ein Schmuckladen und eine Buchhandlung. Genau wie heute ist der Platz die zentrale Umsteigestelle für Busse und Bahnen. Die Entwicklung dieses Platzes war sozusagen der Startschuss für die Rekonstruktion Geras. Ein großes Vorhaben war der Bau des Interhotels auf dem Platz der Republik. Es war das größte Hotel der Stadt und lockte auch viele internationale Besucher an. Besonders für die Geraer war das chinesische Restaurant „Lotus“ in diesem Hotel, was einmalig in der Stadt war. Direkt daneben wurde das heute wahrscheinlich am meisten vermisste Gebäude der Stadt, das Café Rendezvous, erbaut. Aufgrund des markanten Baus wurde es auch „Zitronenpresse“ genannt. Egal ob Alt oder Jung, das Rendezvous Café war bei allen Geraern sehr beliebt und lud zum Entspannen oder einem gemütlichen Kaffeeklatsch mit Freunden ein.  Nebenan befand sich für diese Zeit ein ebenso modernes markantes Gebäude, die gläserne Gera Information. 

Ab 1980 wurde zunehmend die Innenstadt rekonstruiert, wobei der Bau des Kultur- und Kongresszentrums (KuK) und die Gestaltung des Außenbereiches die größten Bauprojekte dargestellt haben. 1981 waren das Haus, der große Park, die Fußgängerunterführung und die vielen Wasserspiele endlich fertig. Ähnlich wie heute wurde die Bühne des Kuks für verschiedene Veranstaltungen, wie z.B. für Unterhaltungs- und Musikshows, genutzt. Außerdem gab es zusätzlich noch eine Disco und verschiedene gastronomische Einrichtungen. Der großzügige Außenbereich mit den vielen Sitzgelegenheiten war der neue Treffpunkt und lud zum Flanieren oder Bummeln ein.

Da Mitte der 80-er viele kulturelle Highlights, unteranderem die Arbeiterfestspiele in Gera stattfanden, nutzte die Stadt die Gelegenheit auch andere Ecken von Gera fleißig zu sanieren. Dabei wurden zum Beispiel die Späthepassage, die Johannisgasse und die Häuser rund um den Simsonbrunnen  konstruiert und umgestaltet. Als die 750 Jahrfeier 1987 in Gera veranstaltet wurde, sind die Greizer Straße, der Kornmarkt und die Große Kirchstraße durch den Festumzug in ein ganz anderes Licht gerückt. Von da an war Gera eine wirklich moderne Großstadt. Zu diesem Zeitpunkt hat Gera mit 135 000 Einwohnern ihren höchsten Wert erreicht.

Doch mit der politischen Wende 1989 änderte sich so einiges. Viele Menschen ergriffen die Möglichkeit in die westlichen Bundesländer umzusiedeln und Gera verlor immer mehr Einwohner. Da Gera nun keine Bezirkshauptstadt mehr war, verlor sie auch immer weiter an Einfluss. Zunehmend wurden die beliebten Gebäude der Stadt, unteranderem das Interhotel und das Café Rendezvous, abgerissen, damit Einkaufszentren gebaut werden können. Heute findet man an diesem Ort die Gera Arcaden mit über 90 Geschäften. Der Vorplatz des Kultur- und Kongresszentrum wurde ebenfalls genutzt, um ein weiteres Einkaufszentrum, das Elsterforum, zu errichten. Dies wurde zum Ärgernis in einigen Teilen der Geraer Bevölkerung, da sie mit „ihrem Gera“ sehr zufrieden waren. Aktuell befindet sich das Elsterforum wieder im Umbau und soll 2021 als „Otto-Dix-Passage“ neu eröffnet werden. 

Durch die vielen Umbauten erlangte das erst rekonstruierte Gera wieder einen ganz neuen Charakter. Schade ist, dass durch die vielen neuen Bauprojekte die Freiflächen mit den Springbrunnen vor dem KuK verloren gegangen sind. Doch die Zeiten ändern sich eben. Heute ist nicht mehr das Café Rendezvous der zentrale Treffpunkt, sondern die Gera Arcaden mit den verschiedenen gastronomischen Einrichtungen und Modegeschäften. 

Um alle architektonischen Eindrücke der 1950-er bis 1980-er Jahre noch eimal lebendig wirken zu lassen, veröffentlichte der Designer und Autor Christoph Liepach das Buch „Gera ostmodern“. Darin ist seine Sammlung von Foto-Postkarten, sowohl in schwarz-weiß als auch in Farbe, aus der Blütezeit Geras veröffentlicht. Außerdem sind damalige Inneneinrichtungen und verschiedene Bildkunstwerke dargestellt. Ben Kaden verfasste dazu die passenden Texte. 

Auf den 128 Seiten kann man dabei in ein ganz anderes Gera eintauchen und vielleicht sogar alte Erinnerungen wieder erwecken. Für 20 Euro ist das Buch beim sphere publishers Verlag zu erwerben.

 

Auch wenn sich einige Geraer ihre altes Gera mit der „Zitronenpresse“ zurückwünschen, ist nicht zu vergessen, dass historische Gebäude wie die Orangerie und das Ferbersche Haus (Museum für angewandte Kunst) erhalten geblieben sind und heute noch unser Stadtbild verschönern. Durch die Bundesgartenschau 2007 entstand der wunderschöne Hofwiesenpark an der Weißen Elster, der zur Erholung dient und die verlorenen Freiflächen der Stadt wieder entschädigt. 

Die Zeiten und vor allem unser Stadtbild haben sich oft verändert, trotzdem denke ich, dass wir mit unserem Gera sehr zufrieden und stolz auf die historischen Gebäude sein können. Denn wie man immer sagt: In der Heimat ist es immer noch am schönsten!

Gastbeitrag von Nadja Schmidt