UMBUCHEN-STATT-STORNIEREN

Viele Unternehmen haben schwer mit der Coronakrise und deren Folgen zu kämpfen. Besonders betroffen ist derzeit auch die Reisebranche. Wir haben uns mit Karl-Heinz Spangenberg unterhalten, dem Inhaber des Reisebüros Spangenberg in Gera. Wie die weltweite Krise sein Unternehmen bedroht, und was ihr tun könnt, um zu helfen, erfahrt ihr im Interview.

Gera.Digital: Wer seid ihr und wie lange seid ihr schon im Geschäft?

Karl-Heinz Spangenberg: Nach der Wende war schnell klar, dass ich meine Leidenschaft für das Reisen zum Beruf machen möchte. Ich eröffnete 1994 ein Reisebüro im Kondi-Einkaufsmarkt in Pölzig, dem dann das 2. Büro in der Grünen Mulde in Gera-Bieblach folgte. Der finale Schritt war dann der Umzug in die Berliner Straße, im Gebäude der AOK Krankenkasse, wo wir bis heute zu finden sind. Mit zwei sehr gut ausgebildeten Fachkräften sind wir nun ein starkes und gewachsenes Team.

Gera.Digital: Es ist kein Geheimnis, das lokale Reisebüros mit der zunehmenden digitalen Konkurrenz, Portalen wie beispielsweise Urlaubsguru zu kämpfen haben. Zudem ist die Tourismusbranche in den letzten Jahren durch viele Krisen gefährdet. Mit der Coronakrise habt ihr einen weiteren, schweren Schlag einstecken müssen. Wie sieht die wirtschaftliche Situation momentan bei euch aus?

Karl-Heinz Spangenberg: Beginnen wir zuerst mit dem Thema digitale Konkurrenz… Natürlich, die Reisebranche hat in den vergangenen 15 Jahren einen rasanten Richtungswechsel zu digitalen Angeboten erlebt. Viele Kunden finden es bequemer, Reisen online zu buchen. Hier müssen klassische Reisebüros einfach besser sein… das haben wir geschafft mit fachlicher Beratung, guten Service im Büro und unseren individuellen Gruppenreisen.

Und am Ende nimmt es sich auch beim Preis nicht viel, da sowohl Onlineportale als auch Reisebüros auf gleiche Buchungssysteme und Veranstalter zugreifen. Schlimmer noch: Hinter vielen der Onlineangeboten verbergen sich versteckte Kosten, der Preis mit dem geworben wird ist häufig nur ein Lockangebot. Der größte Vorteil eines Reisebüros ist und bleibt: Wenn etwas schiefläuft, dann hast du einen persönlichen Ansprechpartner. Ein gutes Reisebüro kümmert sich für dich um Erstattungen bei Verspätung, Reklamationen und viele Serviceleistungen in Krisenzeiten.

Die Coronakrise ist längst nicht die erste, die die Reisebranche bewältigen musste. Als 2010 in Island der Eyjafjallajökull ausbrach, kam der Flugverkehr zum Erliegen. Als nächstes folgte eine Pleitewelle unter den Airlines, wie zum Beispiel Air Berlin oder auch Germania und natürlich in der jüngeren Vergangenheit die Pleite vom Reiseveranstalter Thomas Cook, welcher zu unseren Hauptveranstaltern zählte. Hier kämpfen Reisebüros und Kunden teilweise noch heute um die Entschädigungen & Rückerstattungen, die ihnen zustehen. Neben Provisionsverlusten bedeuten solche Pleiten für Reisebüros jede Menge Mehraufwand und Arbeit, die am Ende unbezahlt bleibt. Dazu verliert das Reisebüro Umsatzquellen, die an anderer Stelle wiederaufgearbeitet werden müssen.
Der Corona-Shoutdown übertrifft jedoch alles. Die Reisebranche ist eine der am stärksten betroffenen Branchen, da fast überall auf der Welt Einreisesperren verhängt und Flüge gestrichen wurden. Wir müssen nicht nur unsere Kunden anrufen und die schlechte Nachricht überbringen, dass sein Urlaub leider nicht wie geplant stattfinden wird – wir müssen auch die Kunden davon überzeugen, auf das Jahr 2021 umzubuchen statt zu stornieren. Somit können die Gelder bei den Reisebüros und Veranstaltern verbleiben, um nicht die Existenz zu bedrohen.

Gera.Digital: Wie habt ihr den Beginn der Krise persönlich erlebt?

Karl-Heinz Spangenberg: Wir, in unserem Reisebüro veranstalten ja auch eigene Gruppenreisen, die ich persönlich als Reisebegleiter begleite und unsere Gäste vor Ort betreue. Das ist eines unserer Alleinstellungsmerkmale, dass wir nicht nur Pauschalreisen anbieten, sondern maßgeschneiderte Reisen für unsere Kunden erstellen, die auf unseren eigenen Reiseerfahrungen basieren. Die letzte noch durchgeführte Reise, war unsere alljährliche Wanderreise zur Mandelbaumblüte nach Mallorca, die sich bei unseren Kunden großer Beliebtheit erfreut. Die zweite Reise sollte Mitte März nach Rom gehen, die wir leider mit dem Beginn der Coronakrise als erstes absagen mussten. Alles Zusatzaufwand, den uns keiner bezahlt. Auch unsere Partner vor Ort, mit denen uns teilweise jahrelange Freundschaften verbinden, mussten ihre Angestellte entlassen und blicken in eine ungewissen Zukunft. Im Moment versuchen wir nach und nach die Pauschalreisen umzubuchen oder zu stornieren. Die für 2020 geplanten Gruppenreisen müssen wir nun aufs nächste Jahr umplanen.

Gera.Digital: Habt ihr schon Informationen aus der Politik wann Lockerungen der Reisebeschränkungen eintreten könnten? Und wie sieht es mit wirtschaftlicher Unterstützung durch den Staat aus?

Karl-Heinz Spangenberg: Wir haben die Soforthilfen beantragt, die uns auch vor wenigen Tagen erreicht haben. Trotzdem müssen wir zur Überbrückung der Situation einen Kredit aufnehmen, da die Höhe der Soforthilfen leider nicht ausreichend sind – wie bei vielen anderen Unternehmen auch. Für die Angestellten bedeutet die momentane Situation Kurzarbeit, die glücklicherweise in Deutschland staatlich unterstützt wird. Was aber wäre, wenn die Reisesperren bis zum Jahresende gelten, wollen wir uns gar nicht ausmalen – irgendwann sind auch die letzten Rücklagen aufgebraucht.

Gera.Digital: Gibt es denn eine Tendenz, einen Lichtblick? In vielen anderen Branchen, zum Beispiel den Fitnessstudios gibt es ja immerhin die Botschaft, dass über eine mögliche Wiedereröffnung verhandelt wird. Gibt es so etwas auch für euch?

Karl-Heinz Spangenberg: Niemand kann die weltweite Situation im Tourismus beeinflussen, niemand weiß genau wie es weiter geht. Auch wenn die Reisebüros wieder öffnen dürfen, werden wir erstmal keine Reisen verkaufen können, sondern nur Stornierungen bearbeiten. Nicht alle Kunden sind bereit, ihren Urlaub auf das kommende Jahr umzubuchen – und wenn die Urlaubssaison einmal vorbei ist, dann ist der Umsatz unwiederbringlich verloren.

Gera.Digital: Gibt es für die Reisebranche einen Verband oder eine Dachorganisation, die euch unterstützen und mit euch gemeinsam daran arbeiten, die ausgefallenen Umsätze zu kompensieren?

Karl-Heinz Spangenberg: Wir sind Mitglied im „DRV“ – dem Deutschen Reisebüroverband und in der TSS Kooperation. Diese informieren uns mit ständigen Newslettern über die aktuellen Geschehnisse. Momentan gibt es aber leider auch hier keine Lichtblicke. Letzte Woche fanden in mehreren deutschen Städten eine Demo mit dem Motto „Rettet die Reisebüros“ statt. Auch in Gera wird es am Mittwoch 6.5.2020 dazu eine kleine Demo der Reisebüros geben. Wir sind natürlich mit dabei.

Weitere staatliche Hilfen wären uns natürlich willkommen, sind aber langfristig auch keine Lösung.

Gera.Digital: Was würde passieren, wenn keine Hilfen kommen? Wie viele Reisebüros wären in Deutschland in Existenznot?

Karl-Heinz Spangenberg: In Deutschland gibt es etwa 11.300 Reisebüros, die alle schon in der Vergangenheit unter den erwähnten Krisen leiden mussten – das hat vielen die Ersparnisse gekostet, auf die sie jetzt angewiesen sind.

Gera.Digital: Kommen wir zurück auf #umbuchenstattstornieren. Wie können euch die Kunden jetzt am besten unterstützen?

Karl-Heinz Spangenberg: Mein Wunsch ist: Wenn ihr eine Reise bucht, bucht sie nicht online, sondern im Reisebüro des Vertrauens. Wer lokal bucht, der unterstützt die Wirtschaft vor Ort. Viele Arbeitsplätze sind bedroht, sollten die Reisebüros in diesem Jahr keine Umsätze mehr für sich verbuchen können. Wer lokal bucht, rettet Arbeitsplätze.